Freitag, 4. Oktober 2013

Gravity

Oftmals stimmt die aktuelle, weiterhin hartnäckige Welle von 3D-Filmen nachdenklich. Soll man sich über die Rückkehr eines zeitlosen Klassikers wie Wizard of Oz auf die Leinwand freuen, obwohl dies nur im Zuge einer digitalen Konvertierung in die nachträgliche Dreidimensionalität geschieht? Die Zustimmung des vor mehr als 60 Jahren verstorbenen Victor Fleming lässt sich zwar durchaus realistisch vorstellen. Sicher ist der Segen des Regisseurs des Originals freilich ebensowenig wie die Notwendigkeit der diesjährigen, alleine technisch gesehen zweifelsfreien Verbesserung. Aber selbst manches aktuelle, initial für die 3D-Auswertung produzierte Werk muss sich die künstlerische Sinnfrage sehr nachdrücklich stellen lassen – man denke etwa an Dredd.

Ausnahmen bestätigen diese sich allmählich abzeichnende Regel. Ein neues Extrembeispiel dafür ist Gravity – ein Film, dessen 2D-Projektion ebenso verboten gehört wie die Vorführung auf unter zwei Metern Bilddiagonale. Der neue Film des Mexikaners Alfonso Cuarón bedarf nicht nur gewisser Mindestmaße, die übrigens auch für die akustische Präsentationsform gelten, sondern ist das (für viele lästige) Tragen einer Polarisations- oder Shutter-Brille ebenso unbedingt wert. Da sich die überwältigende Mehrheit der gesamten Filmhandlung im All zuträgt, war der reproduzierte räumliche Tiefeneffekt nie derart essentiell.

Mit Außenarbeiten am Hubble-Teleskop betraut, erlebt die Ingenieurin Dr. Ryan Stone ihren ersten Weltraumeinsatz. Trotz der Anwesenheit des erfahrenen Astronauten Matt Kowalsky, dessen letzte Mission reine Routine darstellen soll, ist es Stone in der Schwerelosigkeit mulmig zumute. Dann geschieht das Unglück: Als ein Schwarm aus Trümmerteilen eines Satelliten vorbeischießt, wird nicht nur das Teleskop samt angedocktem Space Shuttle zerstört, sondern Stone zudem in die Bodenlosigkeit des Alls katapultiert. Kowalsky hechtet der unerfahrenen Kollegin hinterher. Abgeschnitten von jeder Kommunikation mit der Erde, sind die beiden auf sich gestellt – in der wortwörtlichen Unendlichkeit des Raums.

Das Szenario von Gravity nimmt von der ersten, dramaturgisch gewagten Plansequenz an mystische, nahezu religiöse Ausmaße an. Die schiere Opulenz des Settings ist audiovisuell beeindruckend, ja: überwältigend. Die Ambiguität zwischen majestätischer Weite – atemberaubende Ansichten des blauen Planeten untermauern diese fortwährend – und klaustrophobischer Haltlosigkeit überträgt sich beinahe unvermittelt auf den Zuschauer. Auch die fehlende Resonanz des Alls nimmt Cuarón überaus ernst und befüllt die Tonspur des Films ausschließlich über den Funk der Astronauten sowie mit einer gigantischen musikalischen Komposition des jungen Steven Price, die oft auch die Funktion der Geräuscheffekte übernimmt.

Gravity ist ein neunzigminütiges Action-Kammerspiel im Weltraum, wirkt in rein positiver Weise gleichwohl deutlich länger. In der Isolation des dunklen Raums dekonstruiert der Film immer wieder jegliches Zeitgefühl, dreht unverfroren an den ureigenen Reglern der Spielfilmdramaturgie. Mit seiner gleichzeitig stetig eskalierenden Erzählung gelingt Cuaròn das Unglaubliche: Übermütig führt der Filmemacher eine überaus experimentelle Ästhetik, die das Mainstreamkino sonst schlicht nicht duldet, mit eben dessen Erfordernissen des unterhaltsamen Spektakels zusammen. Das ist filmphilosophisch maximal dreist und generiert aus eben dieser Innovation das Schlüsselwerk einer neuen Epoche des Mediums.

Die Identifikation mit der von Sandra Bullock gespielten Protagonistin ist indes absolut: Nicht bloß mit ihr, sondern als die darin gefangene Frau erleben wir ihren ultimativen Alptraum. Angesichts ihrer früheren Rollen ist das intensive, aber merklich zurückgenommene Spiel Bullocks wahrlich keine Selbstverständlichkeit. George Clooneys sprücheklopfende Väterlichkeit bleibt dabei prompt auf eine ungewohnte – aber notwendige – Hintergründigkeit beschränkt. Beide, Bullock und Clooney, sind gnadenlos gegen ihr Portfolio besetzt, erfüllen die durchaus auf den jeweiligen Starstatus bezogenen Anforderungen aber ebenso ideal.

Cuaróns Werk ist nicht weniger als ein Meilenstein. Dass sich selbst 3D-Großmeister James Cameron bereits huldigend vor dem mexikanischen Kollegen verneigt hat, ist wahrlich kein Tidbid. Seit dessen Avatar ist Gravity in der Tat der erste Kinofilm, der den von Cameron ins Spielfeld einer dezidierten dreidimensionalen Ästhetik gebrachten Ball angenommen und wahrhaft überlegt weitergespielt hat. Auf seinem eigenen topologischen und auch inszenatorischen Terrain setzt Cuarón sogar selbst neue Maßstäbe. Spätestens in einigen Jahren sollte der revolutionäre Charakter dieses Filmes unbestritten sein. Ohne jede böse Absicht stapelt Herr Cameron (Variety zufolge) sogar noch zu tief: "It's the best space film ever done."

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